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Anthropic wirft Alibaba den größten bekannten KI-Destillationsangriff vor: 28,8 Millionen Claude-Anfragen über 25.000 Fake-Konten

Quelle: CNBC / Bloomberg / The Next Web·24. Juni 2026

Was wirklich drin steht

Anthropic hat am 10. Juni 2026 in einem Brief an den Vorsitzenden des US-Bankenausschusses Tim Scott und die ranghöchste Demokratin Elizabeth Warren schwere Vorwürfe gegen den chinesischen Technologiekonzern Alibaba erhoben. Dem Brief zufolge haben Akteure, die mit Alibabas KI-Labor Qwen in Verbindung stehen, zwischen dem 22. April und dem 5. Juni 2026 - also innerhalb von 44 Tagen - über rund 25.000 betrügerische Konten insgesamt 28,8 Millionen Anfragen an Claudes KI-Modelle gestellt. Ziel war laut Anthropic die sogenannte adversarial distillation: eine Methode, bei der ein überlegenes KI-Modell systematisch mit speziell konstruierten Anfragen konfrontiert wird, um dessen Denkschritte und Wissensstrukturen abzugreifen. Die gesammelten Antworten werden dann genutzt, um ein eigenes, kostengünstigeres Modell zu trainieren, das die Fähigkeiten des Originals nachahmt. Die Kampagne zielte laut Anthropic gezielt auf Claudes Stärken in der Softwareentwicklung, im agentengestützten Denken und in der Cybersicherheit ab. Es ist nicht das erste Mal, dass Anthropic solche Vorwürfe erhebt: Im Februar 2026 hatte das Unternehmen chinesische KI-Startups wie DeepSeek, MiniMax und Moonshot AI beschuldigt, über 24.000 Fake-Konten insgesamt 16 Millionen Anfragen durchgeführt zu haben. Die US-Senatoren Bill Hagerty und Andy Kim arbeiten an einem Gesetzesentwurf, der Sanktionen gegen Akteure ermöglichen soll, die solche Destillationskampagnen durchführen.

Unsere Einordnung

Diese Nachricht verdient eine gelbe Bewertung, weil sie ein reales Sicherheitsproblem aufzeigt, aber wichtiger Kontext beachtet werden muss. Die berechtigte Sorge: Wenn KI-Fähigkeiten in großem Stil über automatisierte Anfragen abgezogen werden können, untergräbt das die Investitionen in Forschung und Entwicklung und schafft Anreize für eine Art digitale Industriespionage. Die Tatsache, dass Anthropic zum zweiten Mal innerhalb weniger Monate solche Vorwürfe erhebt, deutet auf ein systemisches Problem hin. Gleichzeitig gibt es wichtige Einschränkungen: Alibaba bestreitet die Vorwürfe, und die Zahlen stammen ausschließlich von Anthropic - sie wurden bisher nicht unabhängig überprüft. Destillation ist zudem nicht dasselbe wie der Diebstahl von Quellcode oder Modellgewichten. Die abgeleiteten Modelle erreichen typischerweise nicht die volle Leistungsfähigkeit des Originals. Außerdem hat Anthropic ein geschäftliches Eigeninteresse, diese Vorwürfe öffentlich zu machen: Sie stärken das Argument für strengere Exportkontrollen und technische Schutzmaßnahmen. Die politische Reaktion in den USA zeigt allerdings, dass die Vorwürfe dort ernst genommen werden.

Relevanz für Deutschland

Für Deutschland und Europa hat diese Entwicklung mehrere Dimensionen. Erstens zeigt der Fall, wie verwundbar selbst die fortschrittlichsten KI-Modelle gegenüber systematischer Ausnutzung sind - ein Problem, das auch europäische Unternehmen betrifft, die auf Claude oder andere US-Modelle setzen. Zweitens verschärft der Vorfall die geopolitische Spannung zwischen den USA und China im KI-Bereich, was sich auf europäische Unternehmen auswirken kann, die Geschäftsbeziehungen zu beiden Seiten unterhalten. Drittens wirft der Fall Fragen über den Schutz geistigen Eigentums bei KI-Modellen auf, die auch für den EU AI Act relevant sind: Wie schützt man KI-Fähigkeiten, wenn nicht Modellgewichte gestohlen werden, sondern nur deren Ausgaben systematisch kopiert? Viertens unterstreicht der Vorfall Europas Abhängigkeit von US-amerikanischer KI-Infrastruktur: Wenn chinesische Akteure erfolgreich US-Modelle destillieren, könnten die resultierenden Modelle als günstigere Alternative auf dem europäischen Markt angeboten werden - mit unklarer Herkunft der zugrunde liegenden Fähigkeiten.

Faktencheck

Die Vorwürfe stammen aus einem Brief von Anthropic an US-Senatoren, dessen Inhalt von CNBC, Bloomberg und The Next Web übereinstimmend berichtet wird. Die Zahlen - 25.000 Konten und 28,8 Millionen Anfragen - werden in allen Berichten identisch wiedergegeben, stammen aber ausschließlich aus Anthropics eigener Darstellung. Alibaba hat die Vorwürfe laut CNBC nicht kommentiert beziehungsweise bestritten. Die früheren Vorwürfe gegen DeepSeek und andere chinesische Startups vom Februar 2026 sind durch Bloomberg-Berichte dokumentiert. Die gesetzgeberische Reaktion der Senatoren Hagerty und Kim wird von mehreren Quellen bestätigt. Eine unabhängige Überprüfung der Anthropic-Zahlen liegt bisher nicht vor.

Quelle

  • https://www.cnbc.com/2026/06/24/anthropic-alibaba-distillation-campaign.html
  • https://thenextweb.com/news/anthropic-accuses-alibaba-distillation-claude-qwen
  • https://www.tweaktown.com/news/112361/anthropic-says-alibaba-used-25000-fake-accounts-to-query-claude-28-8-million-times-and-train-qwen-off-the-results/index.html
  • https://runtimewire.com/article/anthropic-alibaba-qwen-claude-distillation-claims
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