Anthropic wirft Alibaba den größten bekannten KI-Diebstahl vor - 28,8 Millionen Anfragen in sechs Wochen
Was wirklich drin steht
Anthropic hat in einem Schreiben an US-Senatoren und das Weiße Haus den chinesischen Technologiekonzern Alibaba beschuldigt, die bisher größte dokumentierte Kampagne zum Diebstahl von KI-Fähigkeiten durchgeführt zu haben. Laut Anthropics Darstellung vor dem US-Senat haben Akteure, die mit Alibabas Qwen-Labor in Verbindung stehen, über einen Zeitraum von sechs Wochen etwa 28,8 Millionen nicht autorisierte Anfragen an Claude gestellt. Dafür wurden rund 25.000 betrügerische Konten eingesetzt sowie kommerzielle Proxy-Dienste genutzt, um geografische Zugangsbeschränkungen zu umgehen. Die verwendete Methode wird als adversarielle Destillation bezeichnet: Dabei wird ein fortschrittliches KI-Modell systematisch mit gezielten Anfragen konfrontiert, um dessen Denkmuster und Datenstrukturen zu extrahieren. Konkurrenten können diese extrahierten Muster nutzen, um ihre eigenen Modelle zu trainieren - und umgehen so Forschungs- und Entwicklungskosten in Millionenhöhe. Das US-Handelsministerium hatte bereits am 12. Juni 2026 eine Exportkontroll-Direktive erlassen und Anthropic angewiesen, den Zugang zu Fable 5 und Mythos 5 für alle ausländischen Staatsbürger weltweit zu sperren. Die neuen Vorwürfe liefern nun eine mögliche Erklärung für diese drastische Maßnahme.
Unsere Einordnung
Diese Nachricht verdient eine gelbe Bewertung, weil sie ein reales Sicherheitsrisiko aufzeigt, gleichzeitig aber auch belegt, dass Schutzmaßnahmen funktionieren. Die berechtigte Sorge: Wenn staatlich unterstützte Akteure systematisch KI-Modelle ausspionieren können, stellt das die Integrität des gesamten KI-Ökosystems infrage. 28,8 Millionen Anfragen über 25.000 gefälschte Konten zeigen eine industrielle Dimension, die über gewöhnliche Nutzungsverstöße weit hinausgeht. Es gibt aber auch beruhigende Aspekte: Anthropic hat die Kampagne erkannt und dokumentiert. Das zeigt, dass Überwachungssysteme funktionieren. Zudem hat die US-Regierung reagiert - wenn auch mit einer Maßnahme, die alle internationalen Nutzer traf, nicht nur die mutmaßlichen Angreifer. Kritisch zu sehen ist allerdings die Verhältnismäßigkeit: Die Exportkontrolle, die aus dieser Situation folgte, hat auch europäischen Nutzern den Zugang zu Fable 5 und Mythos 5 entzogen, obwohl Europa nicht der Ausgangspunkt der Bedrohung war. Das wirft die Frage auf, ob unbeteiligte Dritte für geopolitische Konflikte bestraft werden.
Relevanz für Deutschland
Für Deutschland ist diese Nachricht aus mehreren Gründen relevant. Erstens waren deutsche Nutzer und Unternehmen direkt von der Exportkontrolle betroffen, die als Reaktion auf diese Kampagne erlassen wurde - sie verloren den Zugang zu Anthropics leistungsfähigsten Modellen, obwohl Deutschland kein Beteiligter in diesem Konflikt war. Zweitens zeigt der Fall die Verwundbarkeit von KI-Systemen, auf die auch deutsche Unternehmen zunehmend setzen: Wenn selbst die fortschrittlichsten Modelle durch systematische Destillation kopiert werden können, betrifft das auch den Schutz von Geschäftsgeheimnissen, die über KI-Schnittstellen verarbeitet werden. Drittens unterstreicht die Episode die Notwendigkeit europäischer KI-Souveränität: Solange Europa keine eigenen Spitzenmodelle hat, bleibt es Zuschauer in einem geopolitischen Konflikt, dessen Auswirkungen es aber direkt zu spüren bekommt. Viertens könnten die Vorwürfe die beim G7-Gipfel in Évian begonnenen Verhandlungen über ein Trusted-Partners-Rahmenwerk beschleunigen - allerdings unter verschärften Bedingungen.
Faktencheck
Die Vorwürfe stammen aus einem offiziellen Schreiben von Anthropic an den US-Senat und das Weiße Haus, das am 24. Juni 2026 öffentlich wurde. Die spezifischen Zahlen - 28,8 Millionen Anfragen, 25.000 betrügerische Konten, sechs Wochen Kampagnendauer - werden übereinstimmend von CNBC, TechTimes und BusinessToday berichtet und basieren auf Anthropics eigener Darstellung. Es ist wichtig zu betonen, dass es sich um Anthropics Anschuldigungen handelt - eine unabhängige Überprüfung oder ein Geständnis von Alibaba liegt nicht vor. Alibabas Qwen-Labor hat die Vorwürfe bisher nicht öffentlich kommentiert. Die zeitliche Verbindung zur Exportkontroll-Direktive vom 12. Juni 2026 wird in der Berichterstattung hergestellt, ist aber nicht offiziell als Kausalzusammenhang bestätigt.
Quelle
- • https://www.cnbc.com/2026/06/24/anthropic-alibaba-distillation-campaign.html
- • https://www.techtimes.com/articles/319105/20260625/alibaba-ran-largest-known-ai-theft-campaign-against-claude-anthropic-tells-senate.htm
- • https://www.businesstoday.in/technology/artificial-intelligence/story/anthropic-accuses-alibaba-of-largest-ever-attempt-to-extract-claude-ai-capabilities-539087-2026-06-25
- • https://creati.ai/ai-news/2026-06-25/anthropic-accuses-alibaba-illicitly-extracting-claude-ai-model-capabilities/